Stellungnahme von Helga Obens, Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik Deutschland e. V. zum Stillstand in der Realisierung des Dokumentationszentrums denk.mal Hannoverscher Bahnhof
„Wird das Denkmal geachtet werden?“, sorgte sich im Mai 2017 Lucille Eichengreen bei der Einweihung des Gedenkortes. Ihre Familie war vom Hannoverschen Bahnhof in den Tod deportiert worden. Sie kann das nicht mehr überprüfen: Im Februar 2020 ist sie verstorben.
Sind der Betroffenen vergessen worden? Wer sind wir, dass wir uns über ihre Wünsche und Gefühle hinwegsetzen?
Esther Bejarano, Überlebende der KZ Auschwitz und Ravensbrück, begegnete zufällig dem Investor und Vermieter am 14. April 2021 vor dem denk.mal Hannoverscher Bahnhof.
„Wir können uns nicht damit abfinden!“ appellierte sie und sagte weiter zu ihm: „Sie haben die Möglichkeit, Sie können das ändern. Sie müssen das ändern.“ Haben Sie den Mut. Wagen Sie diesen Schritt!“ (Textauszug aus einer Stellungnahme des Auschwitz-Komitees vom 22. Mai 2021)
Seit 23 Jahren fordern und unterstützen wir einen Gedenkort zur Erinnerung an die Deportationen durch verschiedene Aktionen.
Hoffnungen der wenigen Überlebenden von Shoah und Porajmos auf diesen Gedenkort und öffentliche Wahrnehmung ihres Leids wurden bestärkt durch Masterpläne, die eine Fertigstellung des Dokumentationszentrums 2012/2013 anpeilten. Im Mai 2017 wurde zunächst der Gedenkort am Bahnsteig 2 eingeweiht, die Fuge. Die Namen von mehr als 8000 über hier aus Hamburg deportierten Jüdinnen und Juden, Sintizze und Sinti, Romnjia und Roma wurden sichtbar gemacht. Doch wo bleibt das Dokumentationszentrum, das in Private Public Partnership geplant wird?
Gemeinsame Spatenstiche im Jahr 2020, Irritationen 2021 durch Auswahl ausgerechnet eines NS-belasteten Unternehmens im geplanten Haus unter einem Dach mit dem Dokumentationszentrum, neue Pläne 2022, „ein Herzenswunsch […] einen Lernort für künftige Generationen zu schaffen“, Schenkungsverträge, Bauanträge und ein Fertigstellungsziel für das Jahr 2026. Wir sagen: Verträge abzuschließen, bedeutet Verantwortung zu übernehmen auch für die Gefühle, die Trauer, die Sorgen, die Traumata der Überlebenden und ihrer Angehörigen.
Die wenigen Überlebenden der Deportationen – die letzten haben mehr als 80 Jahre auf diesen Gedenkort und diese Geste ihrer Stadt gewartet – und sind fast alle darüber verstorben. Und nur Pläne sind geblieben. Das Dokumentationszentrum zum Gedenkort als Luftnummer? Schluss mit den Unzumutbarkeiten!
Einfach machen! Bauen! Jetzt!
Hamburg, 13. April 2026
Helga Obens, Beirat im Auschwitz-Komitee,
langjährige Stellvertreterin von Esther Bejarano im Vorstand des Auschwitz-Komitees
